Der geschärfte Blick für das Unwesentliche

Selektive Wahrnehmung statt Übersicht

Wer will, der kann sich leicht darüber informieren, dass nahezu täglich irgendwo auf der Welt ein Verkehrsflugzeug den Start abbricht oder eine Ausweichlandung vornimmt. Und zwar, um die Sicherheitsstandards zu gewährleisten, von denen weit über zwei Milliarden Passagiere in jedem Jahr profitieren.

Allerdings macht sich die Mühe kaum jemand. Nur, wenn es einen der seltenen Unfälle gibt, dann schauen Journalisten ganz genau hin. Die nächsten drei untergeordneten Probleme des gleichen Flugzeugtyps oder der betroffenen Airline schaffen es dann in die Schlagzeilen. Danach ebbt das Interesse schnell wieder ab.

So wird – aus Unwissen oder um ein paar Zeilen zu füllen – künstlich der Eindruck einer Häufung erzeugt, wo es keine signifikante Häufung gibt. Mit einer hinreichend selektiven Wahrnehmung lässt sich jeder Zusammenhang darstellen.

Leider machen auch die etablierten Medien allzu oft da mit. Ein Artikel in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG thematisiert drei technische Probleme mit Langstrecken-Boeings im Zeitraum von knapp zwei Wochen. Der Untertitel »Schon wieder Probleme« suggeriert, dass es sich um eine Häufung handelt. Doch ist das tatsächlich so, oder wird hier einfach nur zeitweilig tiefer gegraben, genauer hingesehen?

Der Text gibt sich unaufgeregt, und hebt sich damit sympathisch vom Heute.at-Bericht ab. Die Auswahl der präsentierten Informationen ist aber genauso selektiv und genauso wenig aussagekräftig. Der seriöse Auftritt verleiht dem Artikel unverdientes Gewicht. Das Ergebnis ist Desinformation.

Zuerst veröffentlicht am 15.09.2013

Vom zuverlässigen Airliner zum Angst-Jet

Nur drei Tage dauerte diese Verwandlung laut heute.at. Haben die Enthüllungsjournalisten dort vorher nur nicht genau genug hingesehen?

Heute. at erklärt die Boeing 777 offiziell zum Angst-Jet, weil drei Tage nach dem Unfall in San Francisco eine andere »Triple-Seven« ihren Flug bald nach dem Start abbrach.

Anlass dazu gab der Ausfall eines der drei Hydrauliksysteme. Übrigens zufällig genau der einzige nennenswerte technische Defekt, den ich selbst in 9000 Flugstunden auf der Boeing 777 erlebt habe. Weder ist das ein zwingender Grund für eine Rücklandung noch für die Erklärung einer Luftnotlage (Mayday).

Aber Piloten sind daraufhin trainiert und dazu angehalten, mit besonderer Vorsicht zu agieren, und zusätzliche Faktoren einzukalkulieren. Insbesondere, wenn ein Fehler früh im Flug auftritt, bietet sich die Rückkehr an.

Es gibt nicht den geringsten Hinweis, dass der hier aufgetretene Hydraulikdefekt oder ein ähnliches Problem bei dem Unglück vom 6. Juli irgendeine Rolle gespielt hat. Trotzdem wird von heute.at ein Zusammenhang, zumindest eine Häufung unterstellt.

Kein Unglück ist isoliert genug, um nicht – noch bevor Details bekannt sind – ein Bedrohungsszenario zu konstruieren. Wenn in einem kleinen Ort an einem Tag zwei Unfälle passieren, an denen rote Autos beteiligt sind – ist das ein guter Grund, um Angst vor roten Autos zu haben? Oder sie zu schüren?

Gut, schon Aufmachung und Schlagzeile von Heute lassen Inhalte erwarten, die tiefer als auf Augenhöhe zielen. Doch wie sieht es bei den großen, den seriösen Medien aus?
Fortsetzung folgt…

Zuerst veröffentlicht am 09.09.2013. Der Artikel ist auf Heute.at nicht mehr verfügbar.

Am Ende einer langen Reise – Boeing 777-200ER nach der Ankunft am Terminal in Sydney, Australien.

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Von so einem Experten …

Fachmann Tim van Beveren glaubt, Landungen von Hand würden in der Ausbildung auf einem Verkehrsflugzeug „wenig bis gar nicht“ geübt.

Der FOCUS holt sich Verstärkung in aviatischen Fachfragen und zitiert den Autor Tim van Beveren.

»Für ihn hat möglicherweise auch die Pilotenausbildung eine Mitschuld: Der Unglücks-Pilot habe wohl zum ersten Mal dieses Flugzeug händisch, also ohne die gewohnte High-Tech-Unterstützung, gelandet. Dieses Manöver werde in der Ausbildung allerdings wenig bis gar nicht geübt

Woher der als Flugsicherheitsexperte vorgestellte van Beveren diese vage Information am zweiten Tag nach dem Unfall hat, bleibt ungewiss, aber zuerst einmal klingt das alles ganz eingängig: Die Automatik, auf die sich der Mensch so sehr verlässt, dass er ohne sie hilflos wird. Guter Stoff.

Allerdings völlig unzutreffend: Landungen von Hand sind im Trainingsprogramm für die 777, das der Hersteller Boeing verwendet, das auch ich selbst durchlaufen habe und auf dem die Umschulung üblicherweise basiert, ausdrücklich vorgesehen. Sie sind sogar der Regelfall. Und das nicht nur deshalb, weil die Automatik jenseits von 25 Knoten Gegen- oder Seitenwind gar nicht mehr zugelassen ist.

Viele der Anflüge, die trainiert werden, erfordern zwingend eine manuelle Landung. Auch Anflüge nach Sicht, also ohne alle Funknavigationshilfen, sind wiederholt vorgesehen; oft zuzüglich verschiedener Systemausfälle. Ebenso eine ganze Anzahl sogenannter Platzrunden, bei denen vom Abheben bis zum Aufsetzen komplett von Hand und nach Sicht gesteuert wird.

Die Frage, wie das Training bei der betroffenen Airline Asiana im Detail aussieht und ob es hier Verbesserungsmöglichkeiten gibt, wird die Untersuchungskommission sicherlich beschäftigen. Die zitierte Aussage von Herrn van Beveren jedoch beweist fehlenden Einblick in Umfang und Ablauf der Ausbildung auf einem Verkehrsflugzeug.

Nachtrag: Trotz mehrerer Versuche war von Herrn van Beveren leider keine Stellungnahme zu bekommen.

Zuerst veröffentlicht am 02.09.2013

Nachtrag Februar 2026:
Auch wenn es ein Anflug von Sicht war, der hier zum Unfall führte – der Unfallbericht weist kurz gesagt als wesentliche Zutaten des Geschehens Übermüdung („Fatigue“), unzureichende Kommunikation, eine späte Entscheidung zum Durchstarten und vor allem auch unvollständiges Verständnis der Arbeitsweise der automatischen Unterstützung, insbesondere der automatischen Schubregelung, aus. Ist das ein gutes Zeugnis für die unterliegenden Prozesse und die Trainingspilosophie der betroffenen Airline? Wohl nicht. Ist das ein Zeichen für ein systematisches Problem in der Branche, wie Tim van Beveren suggeriert? Wohl auch nicht. Denn dann wäre ein solches Unfallgeschehen an der Tagesordnung und nicht die große Ausnahme.

Moderne Flugsimulatoren haben genau deshalb so ausgefeilte Simulationen der Außensicht und der Bewegung, weil damit das Fliegen von Hand trainiert wird – insbesondere Starts und Landungen.

Darum also … fiel die Boeing 777 vom Himmel

Die Focus-Expertenkommission überschlägt sich schon am zweiten Tag nach dem Unfall vor Antworten.

Am 6. Juli 2013 verunglückte eine Boeing 777 der Fluggesellschaft Asiana beim Anflug auf San Francisco. Es gab drei Todesopfer, und die Untersuchungsbehörde beschäftigt sich seitdem mit den Details.

Die Mühe könnten sich die Leute auch sparen. Der FOCUS weiß bereits zwei Tage später: „Darum fiel die Boeing 777 vom Himmel.“

Verfasser Günter Stauch beeindruckt gleich zu Beginn des Artikels durch seine Sachkenntnis. Seiner Meinung nach gilt die 777 „vor allem wegen ihrer günstigen Optik als Traum von Flugzeug“. Er überrascht mit der Feststellung, dass sie – sicherlich im Gegensatz zu anderen Großraumflugzeugen – „aber auch präzise geflogen“ werden will.

Viele Menschen mögen zwar ihr Auto nach dessen gefühltem Sex-Appeal  aussuchen, Airlines tun das aber bei milliardenschweren Flugzeugbeschaffungen in der Regel nicht. Die Boeing 777 verkauft sich ausgezeichnet, weil sie in Hinblick auf Effizienz, Reichweite und Zuverlässigkeit äußerst konkurrenzfähig ist.

Und vor allem in puncto Sicherheit: Mittlerweile sind mehr als 1000 Exemplare tagtäglich und weltweit im Einsatz. In den Liniendienst trat die „Triple Seven“ 1995, und 18 Jahren nach Indienststellung ist das erst der zweite Unfall dieses Typs. Die drei höchst beklagenswerten Todesopfer (eines von einem Fahrzeug der Einsatzkräfte überrollt) sind die ersten Passagiere, die bei einem Unfall einer Boeing 777 ihr Leben verlieren.

Also: Airlines setzen die Boeing 777 nicht wegen ihrer günstigen Optik ein. Sondern unter anderem, weil sie ein äußerst zuverlässiges Flugzeug mit einer – selbst nach diesem Unglück noch – insgesamt beispiellos positiven Sicherheitsbilanz ist.

Zuerst veröffentlicht am 26.08.2013

Tokio Narita: Während eine Boeing 747 fliegt an, warten mehre Boeing 777 auf den Start.

Flugangstmacher

Nachrichten prägen unser Bild der Welt. Wir können nicht in allen Bereichen, zu denen wir uns eine Meinung machen möchten, eigene Erfahrungen heranziehen oder persönliche Informationen einholen. Wir bedienen uns der Medien und vertrauen zu einem hohen Grad auf die Integrität der Berichterstattung.

Aber ist dieses Vertrauen gerechtfertigt?

Ich beschäftige mich seit meiner Kindheit mit der Zivilluftfahrt und bin beruflich seit vielen Jahren im Cockpit unterwegs – früher auf Langstrecken als Copilot, inzwischen innerhalb Europas als Kapitän. Je mehr ich auf meinem Weg lernte und erfuhr, desto klarer wurde mir: Unzählige Artikel in der Tagespresse zum Thema Luftfahrt enthalten fragwürdige und schlecht recherchierte Informationen.

Einiges davon ist schlichter Unwissenheit geschuldet. Manches der Sensationsgier. Vielfach dient das aber auch dem Zweck, einer unserer zentralen Ängste Nahrung zu bieten: der Angst vor der Katastrophe.

Angst erzeugt Aufmerksamkeit. Angst lässt Menschen Dinge tun, die sie sonst nicht tun würden, und sei es nur, ein fragwürdiges Blatt zu kaufen. Wer Ängste kontrolliert, kontrolliert Menschen.

Es ist mir ein Anliegen, aufzuzeigen, auf welch erschreckend niedrigem sachlichen Niveau sich viele Artikel über die Luftfahrt bewegen. Ganz speziell, wenn es um Flugunfälle geht.

Auf diesem Gebiet kann ich das beurteilen, auf anderen Gebieten nicht. Mich erschreckt die Vorstellung, die Qualität der Berichterstattung für die Luftfahrt sei repräsentativ auch für andere Bereiche. Grund genug, um sich ein Bild zu machen.

News 24-09-1