Von so einem Experten …

Fachmann Tim van Beveren glaubt, Landungen von Hand würden in der Ausbildung auf einem Verkehrsflugzeug „wenig bis gar nicht“ geübt.

Der FOCUS holt sich Verstärkung in aviatischen Fachfragen und zitiert den Autor Tim van Beveren.

»Für ihn hat möglicherweise auch die Pilotenausbildung eine Mitschuld: Der Unglücks-Pilot habe wohl zum ersten Mal dieses Flugzeug händisch, also ohne die gewohnte High-Tech-Unterstützung, gelandet. Dieses Manöver werde in der Ausbildung allerdings wenig bis gar nicht geübt

Woher der als Flugsicherheitsexperte vorgestellte van Beveren diese vage Information am zweiten Tag nach dem Unfall hat, bleibt ungewiss, aber zuerst einmal klingt das alles ganz eingängig: Die Automatik, auf die sich der Mensch so sehr verlässt, dass er ohne sie hilflos wird. Guter Stoff.

Allerdings völlig unzutreffend: Landungen von Hand sind im Trainingsprogramm für die 777, das der Hersteller Boeing verwendet, das auch ich selbst durchlaufen habe und auf dem die Umschulung üblicherweise basiert, ausdrücklich vorgesehen. Sie sind sogar der Regelfall. Und das nicht nur deshalb, weil die Automatik jenseits von 25 Knoten Gegen- oder Seitenwind gar nicht mehr zugelassen ist.

Viele der Anflüge, die trainiert werden, erfordern zwingend eine manuelle Landung. Auch Anflüge nach Sicht, also ohne alle Funknavigationshilfen, sind wiederholt vorgesehen; oft zuzüglich verschiedener Systemausfälle. Ebenso eine ganze Anzahl sogenannter Platzrunden, bei denen vom Abheben bis zum Aufsetzen komplett von Hand und nach Sicht gesteuert wird.

Die Frage, wie das Training bei der betroffenen Airline Asiana im Detail aussieht und ob es hier Verbesserungsmöglichkeiten gibt, wird die Untersuchungskommission sicherlich beschäftigen. Die zitierte Aussage von Herrn van Beveren jedoch beweist fehlenden Einblick in Umfang und Ablauf der Ausbildung auf einem Verkehrsflugzeug.

Nachtrag: Trotz mehrerer Versuche war von Herrn van Beveren leider keine Stellungnahme zu bekommen.

Zuerst veröffentlicht am 02.09.2013

Nachtrag Februar 2026:
Auch wenn es ein Anflug von Sicht war, der hier zum Unfall führte – der Unfallbericht weist kurz gesagt als wesentliche Zutaten des Geschehens Übermüdung („Fatigue“), unzureichende Kommunikation, eine späte Entscheidung zum Durchstarten und vor allem auch unvollständiges Verständnis der Arbeitsweise der automatischen Unterstützung, insbesondere der automatischen Schubregelung, aus. Ist das ein gutes Zeugnis für die unterliegenden Prozesse und die Trainingspilosophie der betroffenen Airline? Wohl nicht. Ist das ein Zeichen für ein systematisches Problem in der Branche, wie Tim van Beveren suggeriert? Wohl auch nicht. Denn dann wäre ein solches Unfallgeschehen an der Tagesordnung und nicht die große Ausnahme.

Moderne Flugsimulatoren haben genau deshalb so ausgefeilte Simulationen der Außensicht und der Bewegung, weil damit das Fliegen von Hand trainiert wird – insbesondere Starts und Landungen.

Ein Gedanke zu “Von so einem Experten …

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