Klüger werden mit Tim van Beveren?

Viele Dinge treten zyklisch auf – Flugunfälle eher nicht.

Manchmal kann es ja ganz interessant sein, ältere Zeitungs- und Zeitschriftenartikel auszugraben, um ihre Voraussagen im hellen Licht der Gegenwart zu betrachten. Mein Lieblingsbeispiel ist ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1996, der sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: Die Firma Apple ist tot.

Klüger werden mit Tim van Beveren, das verspricht der Spiegel seinen Lesern im November 2005, und diesmal geht es um die Luftfahrt. Der schon unten erwähnte Journalist und Privatpilot stellt sein Buch »Das Risiko fliegt mit« vor. Und er hat ja auch Recht. Das Risiko fliegt wirklich mit. Nur ist es ein Risiko von derzeit grob gesagt eins zu zwei Millionen. Anders gesagt, man müsste knapp 6000 Jahre lang an jedem einzelnen Tag fliegen, um eine realistische Chance auf einen Flugunfall zu haben. Der übrigens in 50% der Fälle dann auch noch überlebt wird.

Aber klar, damit verkauft man keine Bücher. Also gleich mal ein paar Horrorserien konstruiert. »Unfälle passieren in Zyklen. Erst gibt es eine Reihe von Abstürzen, darauf vergeht vielen Leuten die Lust am Fliegen. Mitarbeiter der Kontrollbehörden, Flughäfen und Airlines arbeiten dann sorgfältiger. Nur: Die Anzahl der Unfälle und Abstürze innerhalb dieser Zyklen ist in den letzten Jahren angestiegen.«

Glaubt irgendwer ernsthaft, dass sich Flugunfälle statistisch gleichmäßig über Zeit und Raum verteilen? Natürlich finden sich scheinbare Häufungen, die, durch die richtige Brille betrachtet, auffällig erscheinen – aber eindeutig zufällig sind. Schon beim geringsten Verdacht einer ursächlich bedingten Häufung werden große Anstrengungen unternommen, um notwendige Maßnahmen zu erarbeiten.

Und die van Beveren‘schen Unfallzyklen? Dass 2001 nicht als Musterbeispiel in die Luftfahrtgeschichte eingehen wird, ist irgendwie klar, aber seit Jahren verringern sich die Unfallzahlen kontinuierlich. Trotz stetig zunehmenden Verkehrs. Der Trend ist völlig unstrittig, was nicht heißt, dass nicht irgendwann mal wieder ein schlechteres Jahr dabei sein kann.

Dann gibt’s bestimmt ein neues Buch.

Das wirklich Traurige ist Folgendes: Herr van Beveren ist in der deutschen Journalistenlandschaft einer der Wenigen, die sich im Bereich Luftfahrt ganz gut auskennen. Schade, dass er dieses Wissen aus kommerziellen Gründen nicht immer im besten Sinn mit seinen Lesern teilt.

Klüger werden? So leider nicht.

Zuerst veröffentlicht am 04.11.2013

Nachtrag Februar 2026:
Die letzten 13 Jahre haben keinerlei „Unfallmuster“ im van Beveren’schen Sinn offenbart. Insbesondere gibt es trotz mehr und größerer Flugzeuge keine Belege für die These, die Anzahl der Unfälle und Abstürze steige an. Ich habe auch keinen weiteren Artikel von Herrn van Beveren gefunden, in dem er diese Theorie weiterentwickelt oder verteidigt. Zyklisch ist das Unfallgeschehen nur in einem sehr eingeschränkten Sinn: Wenn etwas passiert, dann versucht die Branche, etwas daraus zu lernen.
Das reicht aber nicht. Deshalb sind Airlines heutzutage verpflichtet, ein sogenanntes Flight Data Monitoring zu betreiben. Dabei wird jeder einzelne Flug mit hunderten Parametern pro Sekunde aufgezeichnet und dann automatisch auf Auffälligkeiten hin untersucht, um sicherheitsrelevante Trends und Risiken frühzeitig zu erkennen. Diese Erkenntnisse fließen ins Training ein. Unaufgeregt, faktenbasiert, zweckmäßig. Man wartet nicht, bis etwas passiert. Ob Herr van Beveren wohl davon weiß?
Eines sei dennoch zugestanden: Zwei schwere Unfälle mit der Boeing 737 Max 2018 und 2019 sind trauriger Beleg für eine unzureichende Aufsicht der US-amerikanischen Luftfahrtbehörde gegenüber Hersteller Boeing bei der Flugzeugentwicklung. Ein Mangel, der inzwischen behoben wurde. Das zwanzigmonatige Startverbot für den Flugzeugtyp und die medial wie auch behördlich gesteigerte Aufmerksamkeit hat das traditionsreiche Unternehmen viele Milliarden Dollar gekostet. Kein Trost für die Angehörigen der Opfer, aber eine Warnung für Managementstrategien, die nicht anerkennen, dass Sicherheit das größte Kapital in dieser Branche ist.

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