Reicht Missgunst schon als Qualifikation, um Leserinnen und Lesern in der Wirtschaftswoche die Welt erklären zu dürfen?
Über den Streik der Piloten bei Lufthansa wurde schon viel geschrieben. Ein Streik ist ein in Deutschland legitimes Mittel in einer hart geführten Tarifauseinandersetzung. In diesem Artikel (und in diesem Blog) geht es um etwas anderes – um Journalismus, und was als solcher verkauft wird.
In der Wirtschaftswoche-Kolumne »Werner knallhart« äußert sich Marcus Werner unter dem Titel »Lufthansa-Piloten haben Komplexe«:
„Wer weiß, dass »Mayday, Mayday« kein Jauchzer über einen herrlichen Frühlingstag ist, wer sich noch erinnert, dass eine negative Zahl nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeutet, wer sich merken kann, dass man besser keinen Kontakt zum Fußboden haben sollte, wenn man eine Stricknadel in die Steckdose steckt, wer nicht gleich einen Tobsuchtsanfall bekommt, wenn der Kollege beim Zuprosten über dem Atlantik keinen Augenkontakt hält, der kann gerne Pilot werden.“
„Eine Friseurlehre dauert drei Jahre – und am Ende winkt der Mindestlohn. Die Pilotenausbildung dauert gut zweieinhalb Jahre. Und da geht vermutlich die meiste Zeit damit drauf, mit sonorer Dandy-Stimme nuschelnde Ansagen zur Wettervorhersage am Ankunftsort zu üben.“
Ah ja. Na da kennt sich einer aus.
Mir scheint, Herr Werner schießt bei seinem (prinzipiell sehr opportunen) Piloten-Bashing so weit über das Ziel hinaus, dass selbst ähnlichen Aussagen sonst zugeneigte Leserinnen und Leser ihm nicht mehr folgen. Daher lasse ich gerne einfach die Kommentare (und die zwei von fünf möglichen Sternen aus 325 Bewertungen) für seinen Artikel sprechen.
»(…) einseitiger, uneinsichtiger, diskriminierender Artikel (…)«
»(…) Das ist kein Journalismus mehr, sondern Hetze (…)«
»(…) persoenlichen Neid gegenueber (…) Berufsgruppen (…)«
»(…) Früher galten WiWo-Journalisten als Könige der Worte, heute sprechen sie Texte mit der Bildzeitung ab (…)«
»Selten so einen unqualifizierten Hassartikel gegen Piloten gelesen.«
»(…) Auch ich kann nur hoffen, dass es sich bei diesem Artikel um Satire handelt!
Andernfalls wäre es der mit Abstand schlechteste Beitrag den ich je in der WiWo gelesen habe.«
»Sicherlich hätten Sie, Herr Werner, mit ihren Mathematik, Physik und Englisch Kenntnissen ganz leicht Pilot werden können.
Hätten Sie jedoch im Cockpit so gearbeitet, wie Sie Journalismus betreiben, dann wären Sie bei allen deutschen Airlines rausgeflogen, bevor Sie das erste mal »in den Vollautomatikmodus« hätten schalten können.«
»Lustig. Was hast du denn geraucht, Werner? Lass Dir helfen, für so etwas gibt es Profis!«
»Sie sind der Beweis dafür dass jedermann mit schlechtem Humor und Ahnungslosigkeit, gepaart mit einer gehörigen Portion Frust und Neid, sich im Internet als Journalist bezeichnen kann.«
»Die Frage die mich viel mehr beschäftigt, wieso ein gestandenes Magazin wie die WIWO, so einen Schwachsinn veröffentlicht.«
»Tun sie uns bitte einen Gefallen und werfen Sie einfach ihren Laptop aus dem Fenster, wenn ich einen Artikel über Quantenphysik verfassen würde, hätte ich wahrscheinlich noch mehr Wahrheit darin als sie auf dieser Seite.«
»Schnell wird irgendetwas zusammengeschmiert, lange vorbei sind die Zeiten in denen Beiträge unabhängig, ordentlich recherchiert waren.«
»Das ist das Dümmste was ich seit Monaten gelesen habe!«
Das Beste an Herrn Werners Kolumne sind offensichtlich ihre Leserinnen und Leser. Eine Erörterung der von Herrn Werner vorgebrachten „Argumente“ erübrigt sich.
Nur ein Satz noch von mir: Wer hier welche Komplexe hat, das zu beurteilen sollte man doch lieber den Fachleuten überlassen.
Zuerst veröffentlicht am 20.09.2014











