Von einem Extrem ins andere …

… und immer gleich weit von der Wirklichkeit entfernt.

Frühpension für Piloten vor dem 65. Lebensjahr? »Es geht heute doch alles automatisch. Die sitzen eh nur noch herum!«

Im Herbst letzten Jahres wurde ich Zeuge, wie ein Mitmensch angesichts der Streiks bei Lufthansa und Germanwings seinem Ärger Luft machte. Ein bisschen schmunzeln musste ich schon, als derselbe Mann sich zwei Minuten später über die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit beklagte: »Ich spüre das noch nach Tagen. Mühsam ist das!«

Natürlich: Kein Verständnis für Langstreckenpiloten, die nicht mit einer, sondern mit fünf bis neun Stunden Zeitverschiebung konfrontiert sind. Nicht zweimal im Jahr, sondern mehrmals im Monat, und das über Jahre und Jahrzehnte. Plus Klimawechsel und Nachtflug. Die möglicherweise Gefahr laufen, nicht mehr allzu viel von ihrer Pension zu erleben, wenn sie diese erst mit 65 antreten. Nein, auch bei den Medien kein Verständnis: Verwöhntes, unterbeschäftigtes Personal mit Luxusproblemen ortet man im Herbst 2014 in den Cockpits.

Und jetzt? Nach dem mutmaßlich von Copilot Andreas L. bewusst herbeigeführten Absturz eines Airbus der Germanwings hat sich der Blickwinkel vieler Berichte geändert. Piloten als gehetzte, gejagte, überforderte Opfer von Globalisierung und Verdrängungswettbewerb am Himmel. Von einem Extrem ins andere, und beide gleich weit von der Wirklichkeit entfernt.

Dietmar Plath, Chefredakteur der Luftfahrt-Zeitschrift Aero International, Buchautor und langjähriger Kenner der Szene, hat die Aktion »Ja, ich fliege gern« ins Leben gerufen. Piloten sind eingeladen, diese Aussage zu unterstützen, um das erst in die eine, jetzt in die andere Richtung verzerrte Bild wieder ein wenig gerade zu rücken.

Und ich kann aus Überzeugung sagen: Ja, ich fliege gerne. Der Pilotenberuf ist kein Albtraum, sondern eine manchmal anstrengende, manchmal anspruchsvolle, trotzdem in Summe wunderbare Sache. Man mag beklagen, dass der Wettbewerb stärker geworden ist am Himmel und dass die Zeiten der richtig guten Pilotenverträge vorbei sind. Aber andererseits ist die Luftfahrt heutzutage erheblich sicherer als in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Das ist etwas, was ich nicht gegen die bessere Entlohnung im vermeintlich goldenen Zeitalter der Fliegerei eintauschen würde.

Ja, ich fliege gerne. Auch wenn der leichtfertige Umgang mit Fakten und die schwarz-weiße Berichterstattung in den Medien manchmal wirklich richtig Nerven kostet.

Zuerst veröffentlicht am 20.04.2015

Oft gemacht und dennoch nie alltäglich: Anflug auf die Piste 29 in Wien, morgens um halb sechs.

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