Mein Nachbar sagte mir kürzlich, die heutigen Piloten hätten das Fliegen verlernt. Kein Wunder, dass er überzeugt ist, das beurteilen zu können – er befindet sich mit seiner Meinung in guter Gesellschaft. Auch das Arte-Wissenschaftsmagazin Xenius zum Beispiel verbreitet dieses Bild in einer Sendung unter dem Titel „Das Cockpit der Zukunft“ (09.10.2015).
Klar ist, dass der Pilot im Cockpit eines modernen Langstreckenflugzeugs nur einen geringen Prozentsatz der Flugzeit damit verbringt, von Hand zu steuern. Nicht nur viel weniger Zeit als Flugzeugführer in den Anfängen der Luftfahrt, sondern auch weniger als zum Beispiel in den 1960er Jahren auf der ersten Generation der Langstreckenjets. Aber ist es daher korrekt, zu unterstellen, heutige Piloten seien »zu reinen Systemüberwachern mutiert«, wie es im Bericht heißt, und hätten das Fliegen verlernt?
Da schwingt ein bisschen das Gedenken an die gute alte Zeit mit, als tollkühne Männer (Frauen gab’s damals in den Cockpits ja fast nicht) mit Nerven aus Stahl alles im Griff hatten. Allerdings, als vor sechzig Jahren die ersten Passagierjets in Dienst gestellt wurden, ist eine ganze Menge passiert. Viel mehr als heute.
Entgegen gerne verbreiteter Klischees wird auch heute noch viel von Hand geflogen. Gestartet sowieso immer, dafür ist nämlich kein Autopilot zugelassen. Gelandet meistens. Automatische Landungen sind auf vielen Flugzeugen möglich und bei schlechter Sicht nützlich; auf kleineren Flughäfen, kurzen Landebahnen und bei starkem Wind aber geht das nicht. Viele Anflüge auf Urlaubsziele im Mittelmeerraum müssen nach Sicht durchgeführt werden. In den Tropen verstellen Gewitterzellen manchmal den Weg und lassen nur einen kurzen Anflug von Hand zu.
Um die heutige Pilotengeneration dabei zu unterstützen, ihre fliegerischen Fähigkeiten zu behalten und zu schärfen, wird das Fliegen von Hand und die konventionelle Navigation verstärkt trainiert. Das ist gut so. Das Neben- und Miteinander von automatischen Systemen und menschlichen Fähigkeiten gewährleistet die größtmögliche Sicherheit und Flexibilität.
Ich war gerade mit Kollegen am Simulator unterwegs, die mehrere Tage hintereinander zwischen 19 und 23 Uhr, also nicht gerade zur besten Zeit, ihr Können zeigen durften. Und weil sie das eindrucksvoll und effizient machten, blieb genügend Raum für ein paar Zusatzszenarien und anspruchsvolle Anflüge. Zum Schluss gab’s dann noch Falschanzeigen auf allen Höhen- und Geschwindigkeitsmessern. Vielleicht die schwierigste Übung überhaupt, und kein Autopilot kann da noch helfen.
Die beiden bewältigten alles, was ich ihnen da in der Simulatornacht vor die Füße warf, mit System, Bravour und großem Geschick. Und verdienen es, so wie die allermeisten ihrer Kollegen, ganz und gar nicht, als flugunfähige Mutanten geringgeschätzt zu werden.
Zuerst veröffentlicht am 18.12.2015

Anflüge von Hand und nach Sicht: Skyros/Griechenland, Salzburg, Frankfurt