Auch drei Wochen nach dem mutmaßlich vom Copiloten bewusst ausgelösten Flugzeugabsturz in den französischen Alpen ist die Diskussion darüber in den Medien auf keinem guten Weg.
Der ORF zum Beispiel strahlt am 9. April unter der Rubrik »DOKeins« eine beim britischen Fernsehsender Channel4 eingekaufte, eilig erstellte, eilig synchronisierte Dokumentation aus. Darin kommen hauptsächlich Menschen zu Wort, die als ehemalige Linienpiloten vorgestellt werden, nicht etwa ausgewiesene Experten. Das wäre nicht weiter schlimm, aber zahlreiche Aussagen und Darstellungen sind im Detail sachlich falsch. Durch die Sendung führt ein britischer Moderator mit wenig Hintergrund, dessen betroffener Gesichtsausdruck nur bei seiner eigenen Erstlandung im Simulator dem Jubel Platz macht. Es gibt die üblichen Interviews mit Menschen aus dem weiteren Umfeld des Andreas L. Auch die Bild-Zeitung ist gut genug als Quelle für die Feinheiten aus dem Privatleben des Copiloten. Dazwischen vermeldet immer wieder eine Psychologin aus Oxford großäugig Allgemeinplätze wie: Jeder Vierte kann statistisch zeitweise von einer Depression betroffen sein. Es gibt leichte, mittlere und schwere Depressionen. Leichte Depressionen sind am häufigsten, mittlere seltener, schwere noch seltener. Wer mal eine hatte, ist anfälliger dafür, erneut eine zu bekommen.
Am 16. April lässt der ORF in seinen Spätnachrichten die Wiener Luftfahrtpsychologin Sibylle Gross zu Wort kommen. Eine wirkliche Fachfrau. Ihr Fazit: »99 Prozent der 14.000 Piloten in Österreich sehen einen Psychologen genau einmal in ihrem Berufsleben«, nämlich beim Auswahlverfahren.
Dazu ließe sich einiges sagen, aber vor allem ist es in mehrfacher Hinsicht falsch. Zum einen werden hier Privatpiloten (die ich keinesfalls diskriminieren möchte, die aber kein psychologisches Auswahlverfahren durchlaufen) mit Linienpiloten in einen Topf geworfen, die weniger als 10% der erwähnten 14.000 ausmachen. Und bei diesen ist es keineswegs zu verallgemeinern, dass sie nur einmal im Leben mit einem Luftfahrtpsychologen zu tun haben. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich mich vor dem nächsten Karriereschritt vermutlich im Herbst dieses Jahres einer neuerlichen psychologischen Bewertung unterziehen werde. Das ist übrigens kein neues, wegen des Germanwings-Absturzes eingeführtes Verfahren.
Persönlich stehe ich wirklich allen der Flugsicherheit zweckdienlichen Maßnahmen positiv gegenüber. Ich habe aber Zweifel, ob Psychologen tatsächlich die richtigen Werkzeuge für diese Aufgabe besitzen. Und ich würde mir jedenfalls wünschen, dass Fachleute, die sich in den Medien breit mit ihrem Standpunkt präsentieren, vorher vollständig mit den Gegebenheiten vertraut machen. Schon, um über jeden Verdacht erhaben zu sein, hier ihren eigenen wirtschaftlichen Vorteil mit den sachlichen Erfordernissen zu vermischen.
Dass Frau Gross die Faktenlage offenbar nicht bekannt ist, ist vielleicht verzeihlich – vertrauensbildend ist es nicht.
Zuerst veröffentlicht am 17.04.2015
