Kurz vor Ende des Jahres, am 28. Dezember 2014, wird traurige Gewissheit, dass ein Airbus A320 der Air Asia ins Meer gestürzt ist. Der ORF meldet, dass damit über das Jahr gesehen 970 Todesopfer im kommerziellen Luftverkehr zu beklagen sind, und die Neue Osnabrücker Zeitung rechnet eifrig vor, dass je nach Zählung auch von 990 Opfern gesprochen werden könne.
Ungefähr viermal so viele Menschen haben damit 2014 ihr Leben an Bord verloren wie etwa 2013 oder 2012. Bedeutet das, die Luftfahrt sei um den Faktor vier unsicherer geworden, wie uns zahlreiche Berichte scheinbar folgerichtig glauben machen wollen?
Nein. Hinter jedem verlorenen Leben steht ein tragisches Schicksal, aber dennoch sind Opferzahlen nur sehr bedingt ein Maß für die Sicherheit des Luftverkehrs.
Ich bin im Jahr 2014 zum Beispiel mehr als zwanzig Mal nach Tokio geflogen. Die Passagierzahl bewegte sich (bei gleicher Sitzplatzkapazität) zwischen 103 und 312 Passagieren. Wir haben jeden der Flüge natürlich mit gleicher Sorgfalt durchgeführt, egal, ob der Flug jetzt zu 30 oder zu 100 Prozent voll war. Deshalb wäre ein schwerwiegender Unfall bei einem dieser Flüge unabhängig von der Passagierzahl gleich zu bewerten. In der Opferstatistik aber hinterließe er, je nach Auslastung, sehr unterschiedlich starke Spuren.
Gleiches gilt für Flugzeuge unterschiedlicher Größe: Verkehrsflugzeuge mit, sagen wir, zwischen 30 und 800 Sitzen unterliegen weitgehend gleichen Sicherheitsstandards. Ob eine Airbus A319 mit 100 Passagieren und Besatzungsmitgliedern oder eine eng bestuhlte Boeing 747 mit 500 Menschen an Bord verunglückt, das Versagen der Sicherheitsstandards ist in beiden Fällen prinzipiell gleich zu bewerten und unterscheidet sich keinesfalls um den Faktor fünf.
Deshalb werden in ernstzunehmenderen Analysen »Hull Losses«, Totalschäden angeführt. Das aber ist für viele Medien einfach zu blutleer.
Fakt ist: 2014 gab es nicht mehr tödliche Unfälle mit Verkehrsflugzeugen als in den bisher besten Jahren seit 1945, 2012 und 2013, sondern weniger. Den betroffenen Angehörigen der leider dennoch zahlreichen Opfer ist das natürlich kein Trost, und keineswegs sollen hier die tragischen Unglücke der letzten Monate verharmlost oder bagatellisiert werden.
Dennoch: Im Straßenverkehr kommen weltweit geschätzte 1,2 Millionen Menschen ums Leben. Jahr für Jahr. Allein in Deutschland sind es immerhin etwa 5000 Verkehrstote, doppelt so viele wie weltweit im schwärzesten Jahr der Passagierluftfahrt, 1972. Und trotzdem gibt es auch im 21. Jahrhundert noch genügend Menschen, die die »freie Fahrt für freie Bürger« auf deutschen Autobahnen als unverzichtbares Menschenrecht sehen. In der Luftfahrt wird jeder Unfall monate- und manchmal jahrelang analysiert, um im Rahmen des Vernünftigen und Möglichen sicherzustellen, dass sich etwas Vergleichbares nicht wieder ereignet.
Zuerst veröffentlicht am 21.01.2015
