Enders‘ Visionen – Teil 2

Kompliziert oder komplex – warum es doch nicht so leicht ist, Piloten durch Computer zu ersetzen.

Also: Airbus-Vorstandsvorsitzender Thomas Enders ist ohne Zweifel ein kluger Mann. Und wenn er behauptet, dass Fliegen ohne Piloten – und ich nehme an, er meint die klassische Passagierluftfahrt – näher rückt, dann lässt sich ihm schwer widersprechen. Es sei denn, man hält das für alle Ewigkeit für komplett unmöglich, und über die Ewigkeit lässt sich nur schwer spekulieren.

Aber das, was da so zwischen den Zeilen steht (siehe z.B. Manager Magazin) – dass eine automatische Luftfahrt sicherer sei, weil „90 Prozent der Fehler bei Flugunfällen auf menschliches Versagen zurückgingen“  – das sollte man sich doch mal etwas genauer überlegen.

Sicherlich fallen mehr als 90 Prozent aller falschen Managemententscheidungen in den Bereich des menschlichen Versagens, aber das ist ja auch kein Beweis dafür, dass es mit einem schlauen Computerprogramm besser laufen würde. Auf die Luftfahrt bezogen: Den seltenen Fällen echten menschlichen Versagens einer Zwei-Mann-oder-Frau-Besatzung stehen unzählige Situationen gegenüber, in denen technische Probleme korrekt, manchmal kreativ und gelegentlich brillant gelöst werden. Nur hört man selten davon, denn dann geht ja alles gut. Oder wissen Sie etwas von dem Fedex-Airbus, der von einer phantastischen Crew in Baghdad sicher gelandet wurde? Obwohl das Flugzeug nach einem Raketentreffer schwer beschädigt und nahezu steuerlos war?

Nehmen wir mal an, man ersetzt beide Piloten durch eine Automatik. Kann das die Unfallursache „Menschliches Versagen“ aushebeln, wie Enders suggeriert? Weil Menschen jetzt nicht mehr Teil der Gleichung sind?

Nein. Hier werden Menschen, im Idealfall sorgfältig ausgewählte mit einer spezialisierten Flugausbildung und viel Erfahrung, die in einer konkreten, kritischen Situation durchaus unter Druck Entscheidungen treffen, lediglich … ersetzt. Ersetzt durch Menschen, die ohne (zumindest existenziellen) Druck an irgendeinem Schreibtisch Computer programmieren. Dabei müssen sie versuchen, alle erdenklichen Situationen vorherzusehen, mit der ihr System im Alltag in der Luft konfrontiert werden kann – und für jede dieser Situationen eine Lösung oder zumindest eine Strategie anzubieten. Eine schwierige Aufgabe. Menschliche Fehler sind unvermeidbar, nur sind es jetzt Fehler, die am Schreibtisch passieren und nicht im Cockpit.

Dennoch, seinen Aussagen nach glaubt Enders, dass die technische Umsetzung einfacher sei als die für automatisiertes Fahren. Dass er auf die Pilotenstreiks der letzten Jahre in Deutschland anspielt, lässt erahnen, dass es nicht allein das Bemühen um Sicherheit ist, die seine Gedanken beflügelt. Ich kann Ihnen ganz leicht erklären, warum es auf absehbare Zeit (in meiner, ihrer und Herrn Enders Lebenszeit) keine automatisch steuernden Passagierjets aktueller Bauart geben wird, die das gegenwärtige Sicherheitsniveau erreichen. Kennen Sie den Unterschied zwischen kompliziert und komplex?

Eine mechanische Uhr, sagen wir mal ein phantastisch ganggenaues Präzisionsstück mit Automatikwerk aus der Schweiz, ist ohne Zweifel ein Kunstwerk. Ihre Konstruktion ist unglaublich kompliziert. Aber egal, wie kompliziert sie auch sein mag – das Ergebnis, das sie liefert, ist nicht komplex. Vier Möglichkeiten: Sie kann genau gehen, zu schnell oder zu langsam, oder sie kann überhaupt stehenbleiben. Mehr gibt’s nicht.

Denken Sie jetzt an ein umfangreiches Softwareprogramm, sagen wir mal ein modernes Textverarbeitungsprogramm für den Hausgebrauch. Wenn Sie damit arbeiten, wird es Ihnen gelegentlich passieren, dass Sie Effekte erzeugen, die sich nicht wiederholen lassen (wenn Sie’s nicht glauben, empfehle ich ein paar Experimente mit dem Einfügen von Illustrationen). Die Programmierung deckt so viele unterschiedliche Aufgabengebiete und Verwendungszwecke ab, es sind so viele Kombinationen möglich, spielen so viele Faktoren eine Rolle und mischen „intelligente“ automatische Funktionen sich ein, dass das Ergebnis komplex und nicht in jedem Fall zu hundert Prozent vorhersagbar ist.

Ein Flugzeug ist ein noch sehr viel komplexeres System, in dem unzählige unterschiedliche Komponenten miteinander verbunden sind. Eine Automatik wird, solange sie nicht echte Intelligenz im Sinne von Kreativität und Problemlösungskompetenz mitbringt, die Ergebnisse, die dieses System liefern kann, nicht abdecken können. Das ist die Spezialität von uns Menschen. Google freut sich über Algorithmen, die eine Katze mit 75% Trefferwahrscheinlichkeit auf einem Bild erkennen können. Ein Dreijähriger schafft leicht 100%, und zwar egal, ob die Katze real vor ihm steht, fotografiert wurde, eine Comiczeichnung ist oder von seiner zwei Jahre älteren Schwester gemalt wurde.Manchmal haben wir eine Art Minderwertigkeitskomplex, weil die von uns geschaffenen Maschinen so unendlich viel schneller zwei siebenstellige Zahlen multiplizieren können als wir. Aber Menschen haben ganz andere Stärken, und glauben Sie mir, sie wollen Piloten aus Fleisch und Blut, die als gut ausgebildetes Team und aufgrund ihrer Erfahrung eine in Schichtbewölkung versteckte Gewitterwolke zu hundert Prozent erkennen können, nicht zu fünfundsiebzig.

Jetzt könnten Sie gemeinsam mit Herrn Enders argumentieren, dass es selbstfahrende Autos gibt und diese sich wahrscheinlich durchsetzen werden. Und ja, auch der Straßenverkehr ist ein komplexes (um nicht zu sagen teilweise chaotisches) System. Wenn es da funktioniert – warum soll es nicht auch in der Fliegerei gehen?

Der entscheidende Unterschied ist der: Auf der Straße lässt sich die Komplexität innerhalb von Sekunden auf nahe Null reduzieren. Warnblinkanlage anschalten, abbremsen, anhalten, wenn möglich rechts ran fahren. Problem gelöst, zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit.Das funktioniert in der konventionellen Passagierluftfahrt nicht. Mal ganz davon abgesehen, dass ein Flugzeug sehr viel komplexer ist als ein Auto und zum Beispiel das Wetter eine erheblich größere Rolle spielt.

Ein einziger Pilot im Cockpit statt zwei während des Reisefluges auf langen Strecken – vielleicht; der andere geht inzwischen schlafen. Viel Geld kann man damit nicht sparen, und ob sich ein Plumpsklo im Kapitänssitz gut verkauft – mal sehen. Aber selbst- oder vom Boden aus gesteuerte Passagierflugzeuge? Die Idee ist zurzeit und noch für lange Zeit abwegig.Und irgendwie vermute ich, Herr Enders weiß das sehr gut. Weil er ja ein kluger Mann ist.

Zuerst veröffentlicht am 19.11.2017

Aus heutiger Sicht das Optimum an Sicherheit: Erprobte Technik, die gut ausgebildete Menschen über eine möglichst ausgereiftes Schnittstelle auf vielfältige Art unterstützt.

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