„Das Gefährlichste beim Fliegen ist der Pilot“

So zu lesen in der WELT, und in der Überschrift wird nochmal präzisiert:

„Fliegen ist sicher – säßen nicht Menschen im Cockpit“.

Also, liebe WELT, müsste es dann nicht heißen »Fliegen wäre sicher«? Ist es nun oder ist es nicht? Bei mir fällt bestimmt auch gelegentlich ein Konjunktiv unter den Tisch, aber gleich so zu Anfang? In einer auflagenstarken Zeitung?

Das ist ja leider noch nicht alles. Die Aussage ist inhaltlich nicht richtiger als sprachlich. Eher im Gegenteil.

Wer mit Smartphone, Computer und Tablet ausgestattet ist, wird bestätigen, dass komplexe technische Geräte auch komplexes Fehlverhalten zeigen. Auch moderne Flugzeuge sind komplexe technische Geräte. Und da man sie nicht ohne Weiteres umtauschen kann – zumindest nicht im Flug – braucht es Menschen als Problemmanager, die im Zweifelsfall eingreifen und unangenehme Situationen bereinigen können.

Ja, das geht manchmal schief. Piloten sind Menschen und machen (so wie auch die Programmierer und Designer automatischer Systeme) Fehler, manchmal mit schwerwiegenden Konsequenzen. Aber wenn etwas passiert, dann tragen oft viele Dinge zum Unfallgeschehen bei, und die Piloten sind nur die letzten Glieder in einer Kette von Faktoren. Wer jedes Gegentor im Fußball als Torwartfehler begreift, glaubt vielleicht, man könnte sich dieses Fehlerpotenzials entledigen, in dem man ohne Torwart spielt. Als Fußballtrainer bringt man es damit nicht weit.

Natürlich, Flugzeuge ohne Piloten wären der Traum jedes Investors. Endlich: noch billiger fliegen.

Die Automatisierung im Flugzeugcockpit trägt wesentlich dazu bei, dass der Flugverkehr so sicher abläuft, wie er es heute tut. Aber Computer haben keine Problemlösungskompetenz, tun sich mit komplexen Entscheidungen schwer und brauchen menschliche Kontrolle. Selbst das Umfliegen eines Gewitters anhand des Radarbildes braucht Erfahrung, die sich nicht leicht programmieren lässt. Keine Statistik gibt darüber Auskunft, wie oft Piloten einen Flug zu einem sicheren Abschluss bringen, wo eine Automatik versagt hätte.

Ein Kabarettist sagte einmal, die WELT sei eigentlich wie die BILD, nur für Vermieter. Immerhin ist der Artikel besser als seine Überschrift. Wer also das Kleingedruckte liest, erfährt sogar, dass 2015 trotz des furchtbaren und mutwillig herbeigeführten Germanwings-Absturzes gemessen an der Zahl der Unfälle und der Todesopfer ein relativ sicheres Jahr für die Luftfahrt war.

Zuerst veröffentlicht am 02.04.2016

Fast zuhause: Anflug auf Landebahn 29 nach einem langen Nachtflug von Bangkok nach Wien.

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