Zu einer der schönsten Erfahrungen in meinem Beruf gehört das Vertrauen, das man von Passagieren und Kolleginnen und Kollegen erfährt. Manchmal reicht es sogar, um einem von Flugangst gebeutelten Passagier etwas von seiner Angst zu nehmen. Vielleicht ist es ja die Uniform.
Auf lange Zeit werden Passagiere ihre Cockpitbesatzungen jetzt wahrscheinlich mit kritischeren Blicken bedenken, und das ist nur allzu verständlich. Selbst innerhalb der Besatzungen wird die Überlegung eine Rolle spielen: Wozu kann ein Mensch fähig sein, auch wenn er alle Auswahlverfahren und Beurteilungen positiv abgeschlossen hat?
Persönlich habe ich es da vergleichsweise gut: Innerhalb unserer relativ kleinen Langstreckenflotte kennen sich nahezu alle Piloten seit Jahren untereinander. Viele wissen voneinander Zahl und Alter der Kinder, Automarke, Essensvorlieben oder vielleicht noch den Namen der letzten Ex-Freundin, und sind oft miteinander unterwegs gewesen.
Zugegeben, man kann niemandem hinter die Stirn schauen. Aber wenn es denn so war – wie schwer krank muss jemand sein, um den eigenen Tod als Massenmord zu inszenieren?
Zu der Frage kann ich nichts beitragen. Aber ich möchte versuchen, eine Antwort darauf zu geben, ob systematische Schwächen im System Luftfahrt zu dem furchtbaren Absturz beigetragen haben.
Der Umstand, dass verschiedene Airlines mit dem heutigen Tag neue Vorschriften einführen, wird in den Medien teilweise so interpretiert. Die Verfahrensänderung ist verständlich, man will sich natürlich keinesfalls Vorwürfen aussetzen, nicht alles zu tun, damit sich so ein Vorfall nicht wiederholen kann. Vielleicht wird es mittelfristig auch Änderungen an den Cockpittüren geben, die es unmöglich machen, einen Kollegen auszusperren.
Solche Maßnahmen hätten vielleicht dieses konkrete Szenario verhindern können, aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Pilot, der wirklich entschlossen wäre, trotzdem Wege finden würde, sein Flugzeug zum Absturz zu bringen.
Also: Vollautomatisierung. Notsysteme, die im Zweifelsfall übernehmen und das Flugzeug sicher landen.
Gerade der Hersteller Airbus hat mit dem Entwurf des A320 schon Mitte der achtziger Jahren versucht, sich diesem Konzept anzunähern, wenn auch in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen. Dreißig Jahre später weiß man: Die Automatik braucht Kontrolle. Durch Menschen im Cockpit, die insgesamt gesehen sehr viel mehr Vorfälle verhindern, als sie verursachen. Das mag in ferner Zukunft einmal anders sein, aber für die nächsten dreißig, vierzig oder fünfzig Jahre würde ich nicht mit automatisierten Flugzeugen im Passagierbetrieb rechnen.
Bleibt die Psychologie. Hier wird sich bestimmt etwas tun. Ganz egal, wie das Endergebnis der Unfalluntersuchung lauten wird: Piloten mit irgendeiner Vorgeschichte in Richtung Depression werden es nicht leicht haben in den nächsten Monaten. Möglicherweise wird es umfangreichere Hintergrundchecks bei Neueinstellungen oder auch bei vorhandenem Personal geben.
Heißt das, dass hier in der Vergangenheit etwas versäumt wurde? Ich glaube, man darf die Möglichkeiten der Psychologie nicht überschätzen. Ich hatte Gelegenheit, mich im Rahmen eines Seminars mit dem Psychologen zu unterhalten, der im Jahr 1999 mein eigenes psychologisches Auswahlverfahren leitete. Er war auch für die Auswahl von Militärpiloten zuständig und äußerte sich so: »Dort kann ich Menschen über sechs Wochen beobachten und beurteilen. Und es gibt Leute, die können sich über sechs Wochen verstellen. Alles, was wir tun können, ist gewisse Risikofaktoren ausschließen.«
Was bleibt dann? Das Entsetzen und die Trauer der Angehörigen lassen sich nicht relativieren. Bei vielen nicht direkt Betroffenen bleibt zumindest eine unscharfe Angst.
So furchtbar das Geschehen ist: Der Schock sitzt auch deshalb so tief, weil es sich um eine extreme Ausnahme handelt. Es gibt so viel größere Gefahren, die unser Leben bedrohen. Krankheiten, Unfälle im Haushalt und in der Freizeit. Der Straßenverkehr, wo Menschen unterwegs sind, deren Abstand oder Überholmanöver auf wenig Respekt vor fremdem Leben schließen lassen.
Ich kann Ihnen nur eines versichern: Ich habe in meiner beruflichen Fliegerei beständig mit Kolleginnen und Kollegen zu tun gehabt – im Cockpit wie in der leider oft unterschätzten Kabine – die es im besten Sinne des Wortes als ihre Berufung ansehen, alle Passagiere sicher an ihr Ziel zu bringen. Die sich weit über das vorgeschriebene Maß weiterbilden und Tag für Tag ihr Möglichstes tun, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein und Leben zu schützen. Und die genauso erschüttert sind wie Sie selbst vielleicht, dass hier mutmaßlich jemand das Gegenteil getan hat.
Zuerst veröffentlicht am 27.03.2015
