Ein Schlüsselsatz. Wer diese Worte in einem Zeitungsartilkel liest, kann getrost umblättern, ohne etwas an objektiver Information zu verpassen.
Wer dem Artikel »Beinahe-Crash auf dem Flug nach New York« in dem österreichischen Blatt Heute dennoch weiter seine Aufmerksamkeit schenkt, erfährt mehr über das »Drama« um Flug OS 87. Durch eine Verwechslung von Flugnummern seitens des Fluglotsen wurde der vorgesehene Sicherheitsabstand zweier Flugzeuge im kanadischen Luftraum unterschritten. Autor Thomas Staisch greift tief in die journalistische Trickkiste, um die nötige Dramatik zu verdeutlichen, und lässt exakt 50% seiner Sätze mit einem Ausrufungszeichen enden.
Seien wir mal ehrlich. In den dicht beflogenen Regionen der Welt sind oft dutzende Flugzeuge auf einer Funkfrequenz unterwegs. Jedes mit seiner eigenen, ein- bis vierstelligen Flugnummer. Glaubt irgendjemand ernsthaft, es sei überraschend oder sensationell, wenn sich dabei jemand trotz aller Sorgfalt mal verhört oder verspricht? Deshalb gibt es mehrere Sicherheitsebenen, die Flugzeugkollisionen effektiv verhindern, falls hier etwas schief gehen sollte.
Die meisten Missverständnisse klären sich schnell auf. Piloten können andere Flugzeuge in ihrer Umgebung am Bildschirm (oder manchmal sogar mit bloßem Auge) sehen. Die Flugsicherung verfügt über automatische Warnsysteme. Und wenn das alles nicht hilft, wird das Kollisionsvermeidungssystem aktiv, mit dem Verkehrsflugzeuge heute ausgestattet sind. Es warnt erst unüberhörbar (»TRAFFIC, TRAFFIC«), stellt das sich nähernde Flugzeug gelb dar, bei weiterer Annäherung dann rot. Dann folgt eine Ausweichempfehlung: bei uns an Bord gegeben von einer energischen Frauenstimme. Zum Beispiel »CLIMB, CLIMB« (Steigen) oder »LEVEL OFF, LEVEL OFF« (Höhe halten). Sie kann ihre Meinung auch ändern, wenn das nötig ist: »DESCEND, DESCEND NOW«. Jetzt bitte sinken. Am Bildschirm wird genau angezeigt, wie groß die Korrekturen ausfallen müssen. Mittlerweile entwirrt das System sogar Situationen mit drei und mehr Flugzeugen erfolgreich. Eine wirklich tolle Erfindung.
Wenn es so weit kommt, wird das natürlich sehr ernst genommen. Da gibt’s viel Papierkram zu erledigen und eine Analyse seitens der Behörden. Und trotzdem keine Panik im Cockpit. Kein Drama. Und schon gar nichts läuft da »wie in einem schlechten Katastrophenfilm.«
Zurück zum Bericht in HEUTE: Die kanadische Flugsicherheitsbehörde hat den Vorfall untersucht und festgestellt, dass die beiden Flugzeuge, als sie sich auf gleicher Höhe befanden, noch ca. 6,7 Kilometer voneinander trennten. Da sie in die gleiche Richtung flogen, gab es keine schnelle Annäherung. Ein Ausweichmanöver war nicht erforderlich. Die Piloten mussten nicht, wie berichtet, »in letzter Minute abdrehen.«
Zuerst veröffentlicht am 17.11.2014
