Nicht immer ist der kürzeste Weg auch der schnellste, und daher wird in Abhängigkeit von Wind und anderen Bedingungen die Route für jeden Langstreckenflug individuell festgelegt. Als ich vor zwei Monaten zuletzt mit einer unserer Boeing 777 nach Bangkok flog, hätte uns der schnellste Weg südlich an Kiev vorbei und quer über die Ukraine geführt. Angesichts des zunehmend intensiveren Konfliktes dort und einer Warnung vor Ausfällen der Satellitennavigation entschieden wir uns für einen geringfügigen Umweg und wählten die Route über das Schwarze Meer und Georgien.
Trotzdem hätte es wohl keiner der Beteiligten – drei Piloten, ein Flugplaner – für möglich, geschweige denn wahrscheinlich gehalten, dass wenige Wochen später im Luftraum der Ukraine ein Langstreckenflugzeug gleichen Typs abgeschossen werden würde. Und so sind die vorangegangenen Sätze auch nicht als nachträgliche Besserwisserei zu verstehen. Ich möchte nur ausdrücklich der Darstellung widersprechen, die sich jetzt, nach diesem traurigen und tragischen Unglück, in manchen Medien findet: Dass Fluggesellschaften leichtfertig das Leben ihrer Passagiere und Besatzungen riskieren, um ein paar Dollar für zusätzlichen Treibstoff zu sparen. MH 17 war legal in einem nicht gesperrten Teil des ukrainischen Luftraumes unterwegs.
Leider ist es so, dass es gar nicht so leicht fällt, zehn und mehr Flugstunden auf unserem Planeten zurückzulegen, ohne Krisenregionen zu streifen oder zu überfliegen. Viele der zugrundeliegenden Konflikte sind uns kaum noch bewusst.
Fluggesellschaften tun das, was von ihnen erwartet werden kann: Sie bemühen sich mittels eigens dafür zuständiger Abteilungen, vorhandene Risiken zu minimieren und ihre Kunden an ihr Ziel zu bringen. Hier hat das nicht funktioniert, das lässt sich nicht leugnen; dennoch: in vielen Fällen ist die Lage am Zielort erheblich gefährlicher als der Flug dorthin.
Der zweite Verlust eines Großraumflugzeugs samt aller Passagiere innerhalb kurzer Zeit trifft Malaysian Airlines hart; es ist vorstellbar, dass sich das Unternehmen von diesem Schlag nicht erholt. Dennoch bin ich sicher, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden des Fluges MH370 und dem Unglück der MH17 in der Ukraine gibt. Wer das schwer zu glauben findet, der unterschätzt die Macht des Zufalls.
Die wesentlichen Fakten werden sich jenseits begründeter Zweifel klären lassen. Dass aus politischen Gründen schon jetzt der Legendenbildung Vorschub geleistet wird, steht auf einem anderen Blatt.
Letzten Endes ist diese Katastrophe ein Produkt unserer zerrissenen Welt mit ihren so unterschiedlichen Lebensumständen und -chancen. Die Opfer des mutmaßlichen Abschusses gehören zu einer bedrückenden Zahl ziviler Kriegsopfer, die man so zynisch als Kollateralschäden bezeichnet. Und jeden Tag werden es mehr.
Ich stelle mir vor, dass die Angehörigen neben der Trauer und Wut über ihren Verlust an der völligen Sinnlosigkeit des Geschehens leiden. Und hoffe sehr, dass diese Tragödie zumindest dazu beiträgt, dass die Weltgemeinschaft einer weiteren Eskalation endlich entschieden entgegentritt und jeden straft, der hier weiter mit dem Feuer spielt.
Zuerst veröffentlicht am 22.07.2014
