

Den wenigsten Journalisten gelingt innerhalb von Tagen, wofür Unfallkommissionen Monate brauchen: Die Fakten von der Lust am Schrecken zu trennen (sofern das überhaupt versucht wird) und eine zutreffende Vorstellung von den Ursachen und Hintergründen eines Flugunfalls zu vermitteln. Gehaltvoller sind Artikel, die sich auf Expertenberichte zu Unfällen und Vorfällen stützen. Hier ein Beispiel.
Weil zwei Besatzungen die Anweisungen des Fluglotsen nicht korrekt umsetzten, näherten sich ihre Flugzeuge in nahezu gleicher Höhe bis auf 7,2 Kilometer an. Zu diesem Zeitpunkt schlug das automatische Kollisionswarnsystem Alarm und wies die eine Maschine an, zu steigen, die andere, zu sinken. Zwar reduzierte sich der Abstand weiter bis auf ca. 5,2 Kilometer, aber durch das Ausweichmanöver betrug der Höhenunterschied zu dieser Zeit bereits 300 Meter – die normale Staffelung für Flugzeuge auf gleicher Route.
Ein ernster Zwischenfall, und keineswegs möchte ich das verharmlosen. Nicht umsonst wurde eine gründliche Untersuchung durchgeführt.
Dennoch: Überschriften wie »Lufthansa Jumbo entging knapp Zusammenstoß« (DIE WELT) oder »Zwei Boeing 747 (…) beinahe kollidiert« (FAZ) zielen darauf ab, ein Maximum an Schrecken aus der ernstzunehmenden, aber systematisch (also nicht durch Glück oder Zufall) gelösten Situation zu gewinnen. Und der Untertitel »Nur noch 30 Meter Höhenunterschied« lässt Bilder von sich schreckensbleich zuwinkenden Menschen an Bord der beiden Großraumjets im Kopf entstehen. Eine Boeing 747 in sieben Kilometer Entfernung hat jedoch nur etwas mehr als die Größe eines Vollmonddurchmessers.
Beinahekatastrophen sind eben auch relativ. Immerhin, wenn man sich die Mühe macht, das Dünngedruckte zu lesen, dann bekommt man die Fakten mit einigen Unschärfen, aber weitgehend korrekt serviert.
Das ist schon mal erfreulich.
Relativ.
Zuerst veröffentlicht am 01.12.2013