Mit Überschall ans Ende der Liste

Warum die Concorde in einem Augenblick vom sichersten zum unsichersten Verkehrsflugzeug wurde. Und warum Unfallstatistiken trotzdem etwas aussagen können.

Vor ein paar Tagen sah ich mich in eine Diskussion mit einem Kollegen verwickelt. Mein Gegenüber zweifelte die Aussagekraft von Unfallstatistiken prinzipiell an und brachte ein gutes Argumente dafür: Die Concorde. Bis zum 25. Juli 2000 galt sie als das sicherste Verkehrsflugzeug. Kein einziger Absturz. Danach als das Unsicherste, von einem Tag auf den anderen.

Eines muss man auf alle Fälle einräumen: Es gibt keine Statistik, die ein absolutes Maß für Sicherheit darstellt. Weil es gar kein absolutes Maß für Sicherheit gibt. Aber es gibt Statistiken, die etwas darüber aussagen, wie häufig bestimmte Ereignisse in der Vergangenheit eingetreten sind. Und unter Umständen kann man daraus Erwartungen für die Zukunft ableiten.

Unter welchen Umständen? Die Aussagekraft für die Zukunft ist so umfangreich wie die Datenbasis, die der Statistik zugrunde liegt. Und das bringt uns zurück zur Concorde.

Wenn mehr als eintausendeinhundert Flugzeuge vom Typ Boeing 777 jeden Tag weltweit unterwegs sind und der Flugzeugtyp 1995 in Dienst gestellt wurde – dann sagen zwei Flugunfälle mit insgesamt drei Todesopfern in 18 Jahren eine ganze Menge aus.

Bei der Concorde war das anders. Es wurden nicht eintausendeinhundert, sondern ganze sechzehn Serienexemplare gebaut. Diese flogen lange Jahre hauptsächlich über den Nordatlantik, erfuhren eine Sonderbehandlung seitens der Flugsicherung und verbrachten sehr viel weniger Zeit in der Luft als für Langstreckenflugzeuge üblich. Alle Concorde zusammen waren in insgesamt dreißig Jahren nur ca. 240.000 Stunden in der Luft. Zum Vergleich: die weltweite 777-Flotte kommt pro Monat auf fast doppelt so viele Stunden.

Solange keine Concorde verunglückte, war die Quote logischerweise null. Das lässt sich nicht unterbieten. Als der Unfall am 25. Juli 2000 dann geschah, war es ein Unfall auf – verhältnismäßig – wenige Flugstunden. Damit rutschte die Concorde ganz ans Ende der Liste, was die Unfallquote angeht.

Bei den Größenordnungen, um die es bei der Flugischerheit geht, helfen uns Bauchgefühl und Gesunder Menschenverstand leider nicht weiter. Voraussagen für die Zukunft bleiben ein schwieriges Geschäft – nur soviel ist gewiss. Aber man sollte durchschaubare Ausnahmefälle wie die Concorde-Statistik nicht zum Anlass nehmen, zum Vollzeitskeptiker zu werden.

Zwei Concordes zu Besuch auf dem Flughafen Nizza im Juni 2000: Dabei auch die wenige Wochen später tragisch verunglückte Maschine der Air France mit dem Kennzeichen F-BTSC.

Mehr zur Concorde: Die Geschichte der Concorde

Zuerst veröffentlicht am 16.12.2013

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