Wie häufig sind Defekte? Oder – wie selten?

Wenn eine Flugbegleiterin glaubt, zehnmal im Jahr einen Triebwerksausfall zu erleben – und diese Fehlinformation in die Öffentlichkeit trägt – ist das bedauerlich. Aber wie oft verliert ein Flugzeug tatsächlich die Hälfte seines Antriebs? Auch der AVIATION HERALD berichtet regelmäßig über solche Vorfälle. Was stimmt nun?
Die Boeing 777 hat, so wie viele moderne Passagierjets, zwei Triebwerke. Und jedes von denen ist etwa doppelt so zuverlässig, wie es die gesetzlichen Bestimmungen für längere Flüge über Wasser fordern: Die Fehlerquote beträgt ungefähr einen Ausfall (beziehungsweise vorsorgliches Abschalten) auf 100.000 Flugstunden. Natürlich wird jedes Einzelereignis sehr ernst genommen und analysiert. Das zieht immer mal wieder Modifikationen oder Auflagen für alle Betreiber nach sich. Aber insgesamt ist das ein fantastischer Wert, weit besser als vor dreißig oder vierzig Jahren. Bei zwei installierten Triebwerken bedeutet das – auf das Flugzeug bezogen – einen solchen Vorfall alle 50.000 Stunden am Himmel.
Ein Pilot fliegt über die gesamte Karriere, wenn er fleißig ist und gesund bleibt, vielleicht 20.000 bis 25.000 Stunden, daher kommt nach heutigen Standards ungefähr ein Triebwerksausfall auf zwei bis drei Pilotenleben. Geübt wird im Simulator mehrmals im Jahr für den Fall, dass das Ereignis tatsächlich irgendwann eintritt.
Und wieso liest man trotzdem immer wieder über eine Häufung solcher Vorfälle?
Ganz einfach. Wenn wir allein die Boeing 777 als Beispiel betrachten, dann sind zurzeit mehr als 1100 Exemplare weltweit unterwegs. Nehmen wir an, im Durchschnitt ist jedes dieser Flugzeuge Tag für Tag 13 Stunden in der Luft. Das macht 14.300 Flugstunden täglich, und daraus ergeben sich statistisch gesehen zwei Triebwerksausfälle pro Woche.
Sobald sich die selektive Aufmerksamkeit der Medien auf einen Flugzeugtyp richtet, erfahren Sie davon. Ansonsten nicht, weil diese Situationen zuverlässig und sicher geklärt werden. Professionell und ohne Panik. Jede Woche aufs Neue.
Ein Spaß ist das natürlich trotzdem nicht, und ich persönlich würde mich freuen, wenn ich mit dem Ausfall des (einzigen) Motors auf einem kleinen Propellerflugzeug 1995 mein persönliches Soll erfüllt zu haben …
Zuerst veröffentlicht am 28.10.2013