Richtig Dampf ablassen – mit dem Spiegel

Frustrierte Arbeitnehmer aufzuspüren (siehe auch unten) und deren Monologe wiederzugeben ist offenbar inzwischen eine eigene journalistische Disziplin.

Nur Fliegen ist schlimmer, das ist das Fazit des SPIEGEL-Berichtes von Flugbegleiterin Sandra. Schlimmer als was? Aber egal.

Ihr offensichtlich allerschlimmstes, in epischer Breite wiedergegebenes Erlebnis über den Wolken verdankt die Kollegin drei Passagieren in der Notausstiegsreihe: Diese weigerten sich, ihr die Frage zu beantworten, ob sie sich zur Bedienung des Notausstiegs im Ernstfall in der Lage sähen.

»Ich war echt sauer, ich habe mir fast ein bisschen gewünscht, dass wir irgendwie evakuieren müssen, damit die vor dieser bekloppten Tür sitzen und sie nicht aufkriegen«.

Ich habe prinzipiell Verständnis für die Frustration der Kollegin: Es kann unendlich mühsam werden, wenn sich Menschen dümmer stellen, als sie sind. Aber warum nicht einmal das in Erwägung ziehen, was als Maßnahme in diesem Fall vorgesehen wäre? Wer nicht erkennbar willens und in der Lage ist, zu kooperieren und gegebenenfalls die Notausstiege zu bedienen, muss umgesetzt werden und verliert die zusätzliche Beinfreiheit der Notausstiegsreihe. Diese Aussicht könnte die Bereitschaft zur Zusammenarbeit festigen.

Zugegeben: So leicht ist es oft in der Praxis nicht. Ich bewundere die Kolleginnen und Kollegen, die sehr viel schwierigere Situationen als die geschilderte professionell und oft noch mit Humor und Gewandtheit bewältigen. Zweifellos hat die Tätigkeit als Flugbegleiterin oder Flugbegleiter ihre Schattenseiten. Aber ja längst nicht nur: Und in welchem (Service-)Beruf gibt’s nicht ähnliche Probleme?

In der Fliegerei kommt der Sicherheitsaspekt hinzu. Genau dessen scheint sich die Kollegin nur sehr eingeschränkt bewusst zu sein, sonst würde sie sich bemühen, die Situation zu lösen, statt sie nur persönlich zu nehmen. Ich fürchte, dass Stimmen wie die ihre nicht dazu beitragen, dem Flugbegleiterberuf zum verdienten Respekt zu verhelfen – ganz im Gegenteil.

Und, lieber Spiegel, billiger geht’s wirklich nicht – eine frustrierte Arbeitnehmerin lässt Dampf ab, und das wird brav protokolliert. Journalismus sieht anders aus. Ausgewogenheit auch.

Zuerst veröffentlicht 07.10.2013

Ankunft nach einem Elf-Stunden-Nachtflug. Die Betreuung von mehr als 300 Menschen ist ein anspruchsvoller, manchmal harter Job. Die Arbeit erfordert Feingefühl, Menschenkenntnis, Übersicht, Teamfähigkeit und Durchsetzungsvermögen, und wird von vielen Kolleginnen und Kollegen mit Leidenschaft, Freude und großem Engagement ausgeübt.

Hinterlasse einen Kommentar