Der Spiegel hat auch schon mal mehr Wert auf die Qualität seiner Quellen gelegt. Hoffentlich.
SPIEGEL ONLINE bietet unter der Rubrik KarriereSpiegel einer Flugbegleiterin die Gelegenheit, aus ihrem Berufsalltag zu berichten – ungefiltert, unkommentiert, und offensichtlich ohne Plausibilitätscheck.

»Dass ein Triebwerk ausfällt, passiert sehr häufig,« liest man da unter anderem, »ich erlebe das etwa zehnmal im Jahr.«
Kurze Hochrechnung: Die Teilzeitflugbegleiterin gibt an, 45 Stunden im Monat zu fliegen – inklusive Urlaub also knapp 500 Stunden jährlich. Das wäre dann ein Triebwerksausfall alle 50 Flugstunden.
Ich selbst habe (wie die meisten meiner Kollegen) in mehr als 10.000 Flugstunden auf Verkehrsflugzeugen keinen einzigen Triebwerksausfall erlebt. Auch nichts, was dem nahekam oder sich damit hätte verwechseln lassen.
Cornelia S. ist es angeblich wichtig, ihren Arbeitgeber nicht preiszugeben; sie geizt aber nicht mit Hinweisen, die auf eine deutsche Traditionsairline deuten. Doch ganz egal, auf welche Fluggesellschaft sie sich bezieht: Keine europäische Behörde würde derart unzuverlässige Flugzeuge in ihrem Luftraum dulden. Und kein Pilot sie fliegen.
Es ist bedauerlich, dass jemand mit Sicherheitsaufgaben und offensichtlich mehrjähriger Berufserfahrung so wenig Sachverstand hat, und bestürzend, dass der Spiegel dem ein Forum bietet.
»Manchmal wünsche ich mir, dass die Passagiere wissen, dass ich nicht nur eine Saftschubse bin«, klagt Cornelia. Vielleicht könnte sie mehr Befriedigung aus ihrem Beruf ziehen, wenn sie ihn selbst nicht so gering schätzen würde: Flugbegleiter leisten immer wieder Unglaubliches. Sie sind trainiert, um in Extremsituationen in kürzester Zeit hunderte verängstigter Menschen aus einem brennenden Flugzeug zu retten: Wie zuletzt gesehen am 6. Juli 2013, als eine Boeing 777 der Asiana vor der Piste aufschlug, oder im August 2005 bei der missglückten Landung eines Airbus A340 der Air France.
Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter üben eine Tätigkeit aus, die sehr anstrengend ist, Flexibilität und vollen Einsatz auf verschiedensten Ebenen erfordert. Ich bin dankbar, mit vielen Kolleginnen und Kollegen unterwegs sein zu können, die diese Aufgabe mit Freude und persönlichem Engagement ausfüllen, weit mehr wissen, als von ihnen gefordert wird, und ihre Verantwortung ernst nehmen. Und die den schwierigen, den traurigen, den unbefriedigenden Momenten im Beruf mit Kollegialität und positiver Energie begegnen, statt sie voller unreflektierten Selbstmitleids in die Medien zu tragen.
Zuerst veröffentlicht am 29.09.2013
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