Selektive Wahrnehmung statt Übersicht

Wer will, der kann sich leicht darüber informieren, dass nahezu täglich irgendwo auf der Welt ein Verkehrsflugzeug den Start abbricht oder eine Ausweichlandung vornimmt. Und zwar, um die Sicherheitsstandards zu gewährleisten, von denen weit über zwei Milliarden Passagiere in jedem Jahr profitieren.
Allerdings macht sich die Mühe kaum jemand. Nur, wenn es einen der seltenen Unfälle gibt, dann schauen Journalisten ganz genau hin. Die nächsten drei untergeordneten Probleme des gleichen Flugzeugtyps oder der betroffenen Airline schaffen es dann in die Schlagzeilen. Danach ebbt das Interesse schnell wieder ab.
So wird – aus Unwissen oder um ein paar Zeilen zu füllen – künstlich der Eindruck einer Häufung erzeugt, wo es keine signifikante Häufung gibt. Mit einer hinreichend selektiven Wahrnehmung lässt sich jeder Zusammenhang darstellen.
Leider machen auch die etablierten Medien allzu oft da mit. Ein Artikel in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG thematisiert drei technische Probleme mit Langstrecken-Boeings im Zeitraum von knapp zwei Wochen. Der Untertitel »Schon wieder Probleme« suggeriert, dass es sich um eine Häufung handelt. Doch ist das tatsächlich so, oder wird hier einfach nur zeitweilig tiefer gegraben, genauer hingesehen?
Der Text gibt sich unaufgeregt, und hebt sich damit sympathisch vom Heute.at-Bericht ab. Die Auswahl der präsentierten Informationen ist aber genauso selektiv und genauso wenig aussagekräftig. Der seriöse Auftritt verleiht dem Artikel unverdientes Gewicht. Das Ergebnis ist Desinformation.
Zuerst veröffentlicht am 15.09.2013